Hager macht seine witty-Wallbox-Familie zukunftsfest: Mit einer gestaffelten Kombination aus Hardware-Nachrüstung und Softwareupdates bereitet der Elektrotechnikhersteller seine Ladestationen auf ein dichtes Bündel europäischer und nationaler Vorschriften vor, das ab 2027 in Kraft tritt. Gleichzeitig schickt Hager die bidirektionale witty flex ins Rennen, die das Elektroauto buchstäblich zum Energiespeicher fürs Haus macht.
Was ab 2027 Pflicht wird
Für neue Ladestationen gelten künftig zwei Regelwerke, die bisher wenig im öffentlichen Bewusstsein angekommen sind. Erstens die AFIR: Die EU-Verordnung über die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe schreibt ab Januar 2027 vor, dass neue Ladestationen den Kommunikationsstandard ISO 15118-20:2022 unterstützen müssen. ISO 15118 ist die technische Sprache, über die Elektroauto und Ladestation miteinander reden: Sie ermöglicht Funktionen wie Plug & Charge, bei dem sich das Fahrzeug an der Säule automatisch ausweist, ohne dass der Fahrer eine Karte zücken oder eine App öffnen muss.
Zweitens endet im April 2027 die Übergangsfrist zur überarbeiteten VDE-AR-N 4100:2026-04, einer deutschen technischen Anschlussregel für Hausanschlüsse. Sie macht die digitale Steuerbarkeit neuer Verbrauchseinrichtungen durch den Netzbetreiber verpflichtend, also auch für Wallboxen. Der rechtliche Rahmen dafür kommt aus Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes: Netzbetreiber dürfen im Fall eines Netzengpasses die Ladeleistung temporär begrenzen, bieten im Gegenzug aber reduzierte Netzentgelte an. Als empfohlener Kommunikationsstandard für diese Steuerbarkeit gilt EEBUS, ein herstellerübergreifendes Protokoll für das Energiemanagement im Gebäude.
Die witty-Familie auf dem Weg zur Compliance
Hager löst die Anforderungen modellabhängig mit unterschiedlichem Timing, aber ohne dass Bestandskunden bei Null anfangen müssen. witty plus und witty pro, die Modelle für anspruchsvollere Wohngebäude und Mehrfamilienhäuser, erhalten die Zusatzkarte XVA255 bereits ab Oktober 2026 serienmäßig. Diese Hardware-Erweiterung legt die Grundlage für ISO 15118 und damit für Plug & Charge und Smart Charging. Smart Charging bezeichnet dabei das intelligente, bedarfsgerechte Laden, das Preissignale, Netzzustand und eigene Erzeugung berücksichtigt. Die EEBUS-Anbindung folgt dann ab Januar 2027 per Softwareupdate. Wer witty plus oder witty pro bereits verbaut hat, kann die XVA255 nachrüsten lassen.
witty one, klassisch als Einstiegslösung fürs Einfamilienhaus positioniert, wird ab Januar 2027 gleich in mehrfacher Hinsicht aufgewertet: Die Ladeleistung steigt von 11 kW auf bis zu 22 kW, per Drehregler einstellbar. Auch hier kommt die XVA255 an Bord und schafft damit die Basis für ISO-15118-Anwendungen und die EEBUS-Anbindung. Bestehende witty-one-Stationen können nachgerüstet werden.
Für halböffentliche und öffentliche Bereiche ist witty park 2 zuständig. Die Hardware-Vorbereitung per XVA255 ist dort bereits seit Ende 2025 integriert. Für Januar 2027 ist das Softwareupdate auf ISO 15118-1 bis -5 sowie OCPP 2.0.1 geplant. OCPP ist das Protokoll, über das Ladestationen mit einem Betreiber-Backend kommunizieren, etwa für Abrechnung und Fernwartung. Im April 2027 wird witty park 2 zusätzlich EEBUS-fähig für die netzdienliche Steuerung nach Paragraf 14a EnWG.
Praktisch bedeutet das für witty-plus- und witty-pro-Besitzer noch etwas: Sobald die Anpassungen abgeschlossen sind, werden beide Modelle auf der Förderliste für das Programm „Laden im Mehrparteienhaus“ ergänzt. Wer also eine Wallbox im Wohnungsbau plant oder betreibt, profitiert damit potenziell auch von staatlicher Förderung.

Das Auto als Puffer: Vehicle-to-Home mit witty flex
Der zweite große Strang der Ankündigung dreht sich ums bidirektionale Laden. Die witty flex, verfügbar ab dem ersten Quartal 2027, kann nicht nur Energie ins Fahrzeug laden, sondern auch in die andere Richtung: Vehicle-to-Home, kurz V2H, bedeutet, dass die Fahrzeugbatterie bei Bedarf das Gebäude mit Strom versorgt. Das klingt nach Zukunft, ist aber technisch heute schon umsetzbar, sofern Fahrzeug und Netzanschluss mitspielen.
witty flex ist dabei kein Einzelläufer, sondern arbeitet eng mit Hagers Energiemanager flow R3 und der Software AI360 zusammen. In dieser Konstellation kann das Elektroauto einzelne Verbraucher oder das gesamte Gebäude versorgen, und über AI360 wird auch die Nutzung dynamischer Stromtarife möglich. Wer eine Photovoltaikanlage betreibt, kann überschüssigen Solarstrom im Fahrzeug zwischenspeichern statt ihn ins Netz einzuspeisen. Ist zusätzlich ein stationärer Heimspeicher vorhanden, deckt dieser den Grundbedarf, während das Auto größere Energiemengen übernimmt. Die Lösung eignet sich für Neubauten ebenso wie für die Nachrüstung bestehender PV-Anlagen, sofern die Fahrzeug- und Anschlussvoraussetzungen stimmen.
Shift Mode: Wenn der Umweg effizienter ist
Ein Detail, das im technischen Betrieb mehr Bedeutung hat, als der Name vermuten lässt: der sogenannte Shift Mode der witty flex. Das Problem bei V2H ist physikalischer Natur: Die Rückspeisung aus dem Auto läuft am besten mit einer gewissen Mindestleistung, weil der Wirkungsgrad sonst sinkt. Der Gebäudebedarf ist aber schwankend und oft niedrig. Shift Mode löst das, indem das Auto zunächst einen lokalen Pufferspeicher mit höherer, konstanter Leistung füllt. Aus diesem effizienten Zwischenspeicher wird dann der variable Haushalt versorgt. Der Puffer kann dadurch kleiner dimensioniert werden als ohne dieses Konzept. In einem Feldtest, den Hager durchgeführt hat, erreichte das Gesamtsystem eine Autarkie von bis zu 62 Prozent, also den Anteil des Strombedarfs, der ohne Netzbezug gedeckt wurde.
Das ist kein Versprechen für jeden Haushalt: Autarkie-Werte hängen stark von Verbrauchsprofil, Solarertrag, Fahrzeugnutzung und Speichergröße ab. Aber als Richtwert zeigt die Zahl, welches Potenzial das Zusammenspiel aus V2H, stationärem Speicher und intelligentem Energiemanagement hat. Die Infrastruktur dafür, das macht die witty-Ankündigung deutlich, rückt näher als viele Hausbesitzer heute noch ahnen.
Häufige Fragen
Was ist AFIR und was bedeutet es für meine Wallbox?
AFIR ist die EU-Verordnung über die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe. Ab Januar 2027 müssen neue Ladestationen den Kommunikationsstandard ISO 15118-20:2022 unterstützen, der Funktionen wie Plug & Charge ermöglicht. Bestehende witty-Wallboxen können per Nachrüst-Karte (XVA255) auf den Standard gebracht werden.
Was bedeutet Plug & Charge in der Praxis?
Plug & Charge basiert auf ISO 15118: Das Elektroauto weist sich beim Einstecken automatisch an der Ladestation aus, ohne App oder RFID-Karte. Die Abrechnung läuft vollautomatisch im Hintergrund. Voraussetzung: Ladestation und Fahrzeug müssen den Standard unterstützen.
Was regelt Paragraf 14a EnWG und was hat das mit meiner Wallbox zu tun?
Paragraf 14a EnWG erlaubt Netzbetreibern, Verbrauchseinrichtungen wie Wallboxen im Netzengpass temporär in der Leistung zu begrenzen. Im Gegenzug erhalten Haushalte reduzierte Netzentgelte. Ab April 2027 müssen neue Wallboxen dafür technisch steuerbar sein, etwa über EEBUS.
Kann ich meine bestehende witty-Wallbox nachrüsten?
Ja. Bestehende witty-plus- und witty-pro-Stationen können mit der Zusatzkarte XVA255 nachgerüstet werden, um ISO-15118-Bereitschaft und spätere EEBUS-Anbindung zu erhalten. Auch witty one lässt sich entsprechend aufrüsten. Die genaue Verfügbarkeit richtet sich nach den gestaffelten Terminen ab Oktober 2026 bzw. Januar 2027.
Was ist Vehicle-to-Home (V2H) und welche Wallbox unterstützt das?
Vehicle-to-Home bedeutet, dass die Fahrzeugbatterie Strom zurück ins Gebäude liefert. Die bidirektionale Hager witty flex unterstützt V2H und arbeitet mit dem Energiemanager flow R3 zusammen. Sie ist ab dem ersten Quartal 2027 verfügbar. Voraussetzung ist ein V2H-fähiges Fahrzeug.
Für wen ist die witty flex und der Shift Mode relevant?
witty flex eignet sich für Haushalte mit Photovoltaikanlage und optional stationärem Speicher, die ihr V2H-fähiges Fahrzeug als zusätzlichen Energiepuffer nutzen wollen. Der Shift Mode optimiert dabei den Wirkungsgrad der Rückspeisung durch einen lokalen Pufferspeicher. Im Hager-Feldtest wurden bis zu 62 Prozent Autarkie erreicht.
