Auf den Punkt:
Sanya hatte sieben Jahre lang auf die Formel E gewartet. Das Rennen, das die Serie am 20. Juni 2026 auf dem Sanya Haitang Bay Circuit bot, war die Art von Spektakel, die man sich als Motorsport-Fan entweder wünscht oder von der man als Fahrer lieber verschont bleibt. Jake Dennis gewann für Andretti Formula E seinen zweiten Saisonsieg – souverän, strategisch, nach Plan. Sein Teamkollege Felipe Drugovich überquerte die Ziellinie als Zweiter, was dem amerikanischen Team seinen ersten 1-2-Erfolg in der Formel-E-Geschichte beschert hätte. Wenige Stunden später war der Triumph nur noch halb so groß.
Lockout, Strategie, Führungswechsel: Andrettis perfekter Samstag
Den Grundstein für Andrettis Erfolg legte das Qualifying. Jake Dennis sicherte sich die Julius-Baer-Pole-Position, nachdem er sich im Final Duel gegen Teamkollege Drugovich durchgesetzt hatte – ein Andretti-internes Duell, das automatisch den ersten Front-Row-Lockout der Teamgeschichte bedeutete. Es war Dennis‘ achte Pole in der Formel E, und laut Andretti-Daten die 15. der Teamgeschichte insgesamt.
Im Rennen über 39 Runden war die Führung alles andere als dauerhaft gesichert. Der ATTACK MODE-Zeitpunkt entschied darüber, wer vorn fuhr und wer zurückfiel – und Andretti spielte das Spiel anders als die Konkurrenz. Während Fahrer wie Zane Maloney, Dan Ticktum, Nick Cassidy und Edoardo Mortara früh in den Extra-Power-Modus wechselten, hielten Dennis und Drugovich ihre Aktivierungen bewusst zurück. Das ließ sie zwischenzeitlich in die Mittelfeldregion abrutschen, gab ihnen am Ende aber den entscheidenden Energievorteil in den letzten Runden.
Dennis beschrieb die Taktik im Parc Fermé mit klaren Worten:
„We managed to turn it around and were super efficient on those last 15 laps to get the win. It looked pretty slim at one point when the Nissans and then the Jaguars had two ATTACK MODES left, but we were so quick at the end.“
Das Rezept funktionierte: Dennis nahm seine zweite Aktivierung auf Runde 32 und übernahm die Führung zum dritten und letzten Mal – diesmal endgültig.

Roter Faden, roter Faden, rote Flagge
Das Rennen blieb nicht ohne Unterbrechungen. Zwei Full Course Yellows und eine Rote Flagge strukturierten das Geschehen neu. Das entscheidende Ereignis ereignete sich auf Runde 19: Dan Ticktum fuhr Mitch Evans am Turn 9 auf, was Evans‘ Heckflügel schwer beschädigte. Wenig später blockierte Evans‘ stehendes Fahrzeug an der Haarnadelkurve die gesamte Fahrzeugreihe dahinter – Zane Maloney, Sébastien Buemi und weitere wurden in den Zwischenfall hineingezogen. Die Rennleitung zog die Rote Flagge.
Für die Teams bedeutete die Unterbrechung eine Reparaturpause – für Evans allerdings eine, die seinen Tag ruinierte. Obwohl Jaguar den Heckflügel ersetzte und Evans zum Neustart schickte, war er eine Runde zurückgefallen und hatte faktisch kein Ergebnis mehr. Der Meisterschaftsführende schleppte sich ins Ziel, klassifiziert als Non-Finisher. Dass sein Teamkollege António Félix da Costa immerhin Vierter wurde, war das einzige Trostpflaster für Jaguar an einem sonst brutalen Nachmittag.
Auch die Rote Flagge selbst sorgte für Nebenschauplätze: Ticktum erhielt nachträglich eine Zehn-Sekunden-Strafe für das Auffahren auf Evans sowie eine weitere Fünf-Sekunden-Strafe – umgewandelt in einen Drei-Plätze-Strafversatz für Shanghai – weil er unter Red-Flag-Bedingungen nicht ausreichend abgebremst hatte. Drei Strafpunkte bringen ihn auf insgesamt neun, nur drei entfernt von einem Rennbann.

Martí: Vom letzten Startplatz aufs Podium
Während sich der vordere Teil des Feldes selbst zerfleischte, schrieb Pepe Martí eine der bemerkenswertesten Geschichten des Rennwochenendes. Der CUPRA-KIRO-Rookie befand sich beim Neustart nach der Roten Flagge am hintersten Ende des Feldes – sein Auto hatte Kollateralschäden aus dem Massenunfall erlitten und war in der Boxengasse repariert worden. Von Startplatz 18 nach dem Neustart kletterte der Spanier in effektiv 17 Rennrunden auf das Podium.
Der Schlüssel war eine aggressive Energiesparstrategie, kombiniert mit einem späten, aber präzisen ATTACK-MODE-Einsatz. Martí selbst erklärte im Anschluss, die Entscheidung über den Aktivierungszeitpunkt habe auf Messers Schneide gelegen:
„We were debating what lap to take it and I said, ‚let’s go now‘. And if we’d waited one more lap, I probably would not be stood here.“
Sein Team hatten ihm die nötige Energie-Reserve verschafft, während die Fahrer vor ihm in einem dichten, früh aktivierten Pack feststeckten.
Es war Martís zweites Podium in Folge – nach seinem Debüt-Stockerlplatz in Monaco, wo er als erster Spanier überhaupt Formel-E-Silber gewann. In Sanya landete er letztlich auf Rang zwei, nachdem Drugovich per Nachzeitigkeitsstrafe vom Podium rutschte. Für einen Rookie in seiner ersten vollen Formula-E-Saison ist das eine beachtliche Bilanz. Dass sein Teamkollege Ticktum derweil neun Strafpunkte auf dem Konto hat und sportlich hinter Martí liegt, dürfte intern Gesprächsstoff liefern.

Andrettis bittersüßer Abend
Mehrere Stunden nach dem Rennen änderte sich das offizielle Klassement grundlegend. Drugovich erhielt eine Fünf-Sekunden-Zeitstrafe für eine vermeidbare Kollision mit Pascal Wehrlein an Turn 9. Das demontierte Andrettis ersten 1-2 in der Formel-E-Geschichte – zumindest auf dem Papier. Drugovich fiel von Platz zwei auf fünf zurück; Martí rückte auf zwei, Nyck de Vries (Mahindra Racing) auf drei vor.
Für Drugovich war es ein bitterer Abschluss eines Wochenendes, das stark begonnen hatte. Der Brasilianer hatte in Monaco sein erstes Formel-E-Podium eingefahren; Sanya hätte das zweite consecutive werden sollen. Stattdessen eine Strafe, die den Jubel auflöst. Dennis hob trotzdem emotionale Töne an – er widmete den Sieg dem Umfeld seines Partners:
„It’s been an amazing day, to do it for Bob, it’s a big one.“
Andretti kletterte durch die 40 Punkte aus Sanya vom sechsten auf den vierten Rang in der Teams-Meisterschaft. Ein Teilerfolg, der den Schmerz des verlorenen Doppelerfolgs zumindest sportlich abmildert.

Titelkampf: Oben unverändert, unten wächst der Druck
Das Rennen in Sanya hätte die Meisterschaft durcheinanderwirbeln können. Es tat es – aber nicht so, wie man es erwarten durfte. Mitch Evans führt das Klassement weiterhin mit 128 Punkten an, 19 vor Oliver Rowland (Nissan Formula E, 109 Punkte). Evans‘ Vorsprung blieb erhalten, weil sämtliche direkten Verfolger ebenfalls leer ausgingen: Edoardo Mortara (Mahindra, 103 Punkte) und Pascal Wehrlein (Porsche, 101 Punkte) schieden ohne Punkte aus. Rowland, zwischenzeitlich in einer möglichen Podiumsposition, verlor die Kontrolle spät im Rennen und schlug in die Reifenstapel ein.
Was bleibt, ist ein Feld, das enger zusammengerückt ist als die nackten Zahlen vermuten lassen. Die Top vier trennen nach elf Runden gerade 27 Punkte – bei noch sechs ausstehenden Rennen ist die Meisterschaft offen. Dennis selbst rückte durch den Sieg auf Platz fünf mit 94 Punkten vor, 34 Zähler hinter Evans. Matematisch noch im Spiel, realistisch aber eher Kandidat für die Rolle des Spoilers als des Titelträgers.
Dass Jaguar in der Teams-Wertung vor Porsche liegt – trotz eines katastrophalen Evans-Tages – zeigt, wie solide das Team im Saisonverlauf gewesen ist. Für Porsche-Motoren war Sanya dagegen ein Powertrain-1-2 auf dem Podium: Dennis und Martí fahren beide mit Porsche-Antriebssträngen, was dem deutschen Hersteller in der Hersteller-Meisterschaft Rückenwind gibt. Porsche führt dort mit einem Vorsprung von 41 Punkten auf Jaguar.

Nächster Halt: Shanghai
Die Meisterschaft macht keine Pause. Bereits am 4. und 5. Juli geht es mit den Runden 12 und 13 in Shanghai weiter – eine Doppelveranstaltung, die zum Rhythmus der asiatischen Saisonphase gehört. Für Evans gilt es, den Vorsprung aktiv zu verteidigen; für Rowland, das Sanya-Debakel zu verarbeiten und punktzumachen. Ticktum tritt mit drei Plätzen Strafversatz an, Maloney ebenfalls. Und Andretti dürfte mit einem erneuten 1-2 im Kopf anreisen – diesmal ohne Strafe im Gepäck.

