Drei Formel-E-Boliden in der engen Hafenschikane des Monaco E-Prix vor vollen Tribünen
Das GEN4-Fahrzeug debütierte beim Monaco E-Prix auf dem ikonischen Stadtkurs. Sponsor Julius Bär und Nissan prominent auf den Boxengebäuden. Quelle: Formula E

Es war 23 Runden geduldiges Warten, präzises Energiemanagement und ein taktischer Kniff, der Rivalen kalt erwischte. Als Oliver Rowland an der Nouvelle Chicane an Edoardo Mortara vorbeizog und das Feld hinter sich ließ, stand fest: Der amtierende Formula-E-Weltmeister hat Monaco für sich beansprucht – zum zweiten Mal in Folge. Doch der E-Prix vom 17. Mai 2026 war mehr als nur ein Rennergebnis. In den Gassen des Fürstentums zeigte das GEN4 seinen ersten öffentlichen Auftritt auf der Rennstrecke, Formel-1-Weltmeister Lando Norris schaute vom Andretti-Hospitality aus zu – und Ex-F1-Fahrer David Coulthard fand nach vier Runden im neuen Boliden schlicht keine Worte mehr.

Rowlands Meisterstück: Zwei gegen Sechs

Vom achten Startplatz aus war ein Sieg in Monaco alles andere als vorgezeichnet. Rowland verbrachte die erste Hälfte des 28-Runden-Rennens damit, seinen Energiehaushalt zu schonen und Positionen zu sammeln, ohne sich in die permanenten Scharmützel des Feldes hineinziehen zu lassen. Der entscheidende Unterschied zur Konkurrenz lag in einer einzigen strategischen Entscheidung: Rowland teilte seine acht Minuten Attack Mode in einen Block von zwei Minuten und einen Block von sechs Minuten auf – statt des üblichen gleichmäßigen Splits von vier und vier Minuten.

Dieser asymmetrische Ansatz verschaffte ihm in der Schlussphase einen erheblichen Leistungsvorteil. Auf Runde 22 überholte er António Félix da Costa (Jaguar TCS Racing), dem zu diesem Zeitpunkt kein Attack Mode mehr zur Verfügung stand. Eine Runde später schob er sich an Edoardo Mortara (Mahindra Racing) vorbei, der ohnehin mit einer 10-Sekunden-Strafe belegt war, und nutzte den Schweizer anschließend als Puffer gegen die Verfolger. Es war eine kühle, kalkülbasierte Vorstellung.

Anzeige
Panoramablick auf den Monaco E-Prix mit Rennstrecke, vollbesetztem Hafen, Yachten und Montecarlos Skyline
Der Hafen von Monaco bot beim E-Prix eine einzigartige Kulisse: Tausende Zuschauer verfolgten das Rennen direkt am Wasser. Quelle: Formula E

Auf der Straße fuhr Mortara als Zweiter ins Ziel – durch die Zeitstrafe (für Kontakt mit da Costa in Runde 1) rutschte er auf Rang fünf durch. Felipe Drugovich (Andretti Formula E) erbte damit den zweiten Platz: das erste Formula-E-Podium des Brasilianers, der nach einem schwierigen Saisonbeginn mit Andretti in Monaco seinen vorläufigen Hochpunkt erlebte. Da Costa rundete als Dritter ab und erholte sich damit von einem Drama in Runde 9.

Titelkampf: Evans führt, aber das Rennen ist offen

Mit dem Sieg verbesserte sich Rowland auf 109 Punkte in der Fahrerwertung – aber es reichte nicht zur Tabellenführung. Mitch Evans (Jaguar TCS Racing), der Monaco als Vierter beendete, hat mit 128 Punkten weiterhin die Führung inne; der Rückstand von Rowland beträgt 19 Punkte. Mortara liegt als Dritter weitere sechs Punkte hinter Rowland, Pascal Wehrlein – der das Wochenende ohne Punkte abschloss – ist auf Rang vier abgerutscht.

In der Teams-Wertung führt Jaguar vor Porsche, in der Hersteller-Wertung hingegen liegt Porsche vor Jaguar. Dan Ticktum (CUPRA KIRO) hatte das Wochenende als Pole-Setter begonnen – und am Ende dennoch nichts in der Hand: Ein später Attack-Mode-Einsatz und eine Zeitstrafe warfen ihn auf Platz 14 zurück. Nach Monaco pausiert die Meisterschaft für etwa einen Monat; Runde 11 findet am 20. Juni in Sanya, China, statt. Mit vier Fahrern, die in einem Abstand von 27 Punkten liegen, ist die Saison offener als je zuvor in Season 12.

Formel-E-Feld in der Casino-Kurve beim Monaco E-Prix, vollbesetzte Tribünen im Hintergrund
Dichtes Formel-E-Feld durch die Casino-Kurve in Monte Carlo: Oliver Rowland sicherte sich hier seinen zweiten Monaco-Sieg. Quelle: Casino Monte-Carlo

Norris im Andretti-Cockpit: Erster Formel-E-Besuch des F1-Champions

Beobachter des Rennens war auch Lando Norris – und das war kein zufälliger Kurzbesuch. Der amtierende Formel-1-Weltmeister verbrachte den Renntag in der Andretti-Box, eingebettet in das Team seines Freundes Jake Dennis. Es war, nach eigenen Worten, sein allererster Formel-E-Rennbesuch. Norris sprach von „always chaos, always carnage and always unpredictable“ – und lobte das Fahrerfeld ausdrücklich: Das Niveau sei so hoch wie irgend möglich.

Dass Norris nicht nur aus Freundschaft da war, ließ sich an einem konkreten Satz ablesen: Er plane, irgendwann selbst ein Formula-E-Auto zu fahren. Er habe mit Dennis und anderen über die Unterschiede gesprochen; nicht alles sei auf Formel 1 übertragbar, aber es gebe immer etwas zu lernen. Für Formula E war Norris‘ Anwesenheit ein symbolisch aufgeladener Moment – der bislang beste Fahrer des Planeten in einer Paddock-Box, in der das GEN4 geparkt stand.

Das GEN4 in Monaco: Coulthard und der Hyperdrive

Bevor Rowland das Rennen gewann, lieferte der GEN4-Bolide die eindringlichste Bildgeschichte des Wochenendes. David Coulthard – Formula-E-Broadcast-Analyst und zweifacher Monaco-Sieger als aktiver Fahrer – absolvierte vier Demonstrationsrunden durch das Fürstentum. Die Zahlen hinter dem Fahrzeug sind bekannt: 600 kW (rund 804 PS) im Attack Mode, 450 kW im Renntrimm, permanenter Allradantrieb, 0 auf 100 km/h in 1,8 Sekunden, 0 auf 200 km/h in 4,4 Sekunden. Letzteres ist 1,5 Sekunden schneller als beim Vorgänger GEN3 Evo. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 335 km/h.

David Coulthard posiert neben dem ABB Formula E GEN3-Showcar im Fahrerlager des Monaco E-Prix
Im Fahrerlager von Monaco begutachtet Formel-1-Weltmeister David Coulthard das neue GEN4-Showcar der ABB Formula E. Quelle: Formula E

Coulthard, der in seiner Karriere 246 Grands Prix bestritten und 13 gewonnen hat, fand nach dem Aussteigen ungewöhnlich direkte Worte. Den Tunnel-Abschnitt, den er nach eigenen Angaben tausendmal durchfahren hat, beschrieb er als Erfahrung, die sich anfühlte „like hyperdrive from Star Wars“. Den GEN3-Vorgänger mit dem GEN4 zu vergleichen, sei schlicht nicht möglich – vor allem wegen des Allradantriebs, der aus jeder Kurvenausfahrt ein neues Beschleunigungserlebnis mache.

Technisch ist das GEN4 das erste offene Einzel-Rennauto der Welt mit dauerhaft aktivem Allradantrieb in allen Rennphasen – nicht nur in Qualifying oder Attack Mode wie beim GEN3 Evo. Die regenerative Bremsleistung liegt bei 700 kW, was laut Formula E eine Energierückgewinnung von bis zu 40 Prozent im Rennen ermöglicht. Das Fahrzeug ist zudem für die Saison 2026/27 konzipiert; sein Renndebüt steht noch aus.

Doriane Pin und die GEN4-Vorbereitung bei Citroën Racing

Rund eine Woche vor dem Monaco-Wochenende hatte Citroën Racing eine Personalie bekanntgegeben, die über den unmittelbaren Rennbetrieb hinausweist. Doriane Pin, 22 Jahre alt, wird GEN4-Entwicklungsfahrerin des Teams. Die Französin gewann 2022 den Ferrari Challenge Europe und 2025 die F1 Academy – und arbeitet bereits parallel als Entwicklungsfahrerin für das Mercedes-AMG-Petronas-F1-Team sowie für das Peugeot-Hypercar-Programm in der WEC.

Bei Citroën Racing soll Pin konkret an Performance, Energiemanagement-Systemen und Software-Kalibrierung des GEN4-Pakets mitarbeiten. Laut The Race hat sie das Fahrzeug bisher noch nicht in der Realität bewegt, wird aber zunächst GEN3-Machinery testen, bevor ein Einsatz im GEN4-Entwicklungsauto für diesen Sommer geplant ist. Für die offizielle Vorsaison-Session in Jarama im November gilt ihre Teilnahme als wahrscheinlich.

Formula-E-CEO Jeff Dodds ordnete die Verpflichtung in einem größeren Kontext ein: Formula E sei inzwischen das echte Ziel für die besten Fahrerinnen im weltmeisterschaftlichen Motorsport. Pins Ernennung ist dabei nicht die einzige ihrer Art – laut racers-behindthehelmet.com ist sie die zweite Frau, die in der GEN4-Ära eine Entwicklungsfahrer-Rolle in Formula E übernimmt, nach Sophia Floersch bei Opel GSE.

Goodwood und die Geschichte der elektrischen Meisterschaft

Neben dem Rennen selbst und dem GEN4-Debüt im Fürstentum kommunizierte Formula E eine weitere strategische Weichenstellung: Erstmals in der Geschichte der Serie wird die ABB FIA Formula E World Championship beim Goodwood Festival of Speed vertreten sein – als offizieller Partner. Das Festival findet vom 9. bis 12. Juli 2026 auf dem Goodwood Estate in West Sussex statt.

Das Showprogramm ist ambitioniert: Alle vier Formula-E-Generationen – GEN1 bis GEN4 – sollen gleichzeitig den berühmten Hillclimb befahren. Das ist nicht nur Nostalgie; es ist eine komprimierte Visualisierung dessen, wie weit sich elektrischer Rennsport in zwölf Jahren entwickelt hat. Das diesjährige Festival-Thema lautet „The Rivals – Epic Racing Duels“, was Formula E die Möglichkeit gibt, ihre Serie als kompetitives Gegengewicht zu etablieren, ohne sich dabei an Formel 1 messen lassen zu müssen.

Monaco war an diesem Wochenende mehr als ein Straßenrennen. Es war eine Art Querschnitt durch den Zustand von Formula E im Jahr 2026: ein amtierender Weltmeister, der seinen Titel verteidigt; ein GEN4-Fahrzeug, das die nächste Saison vorbereitet; ein Formel-1-Weltmeister, der neugierig in die Garage schaut; und eine Meisterschaft, die zunehmend verstärkt, was sie lange versucht hat zu sein – eine ernsthafte Alternative in der Welt des Motorsports.