Die vielleicht hartnäckigste Legende der Elektromobilität ist die vom sterbenden Akku. Nach fünf Jahren nur noch halbe Reichweite, nach acht Jahren Sondermüll, so ungefähr geht das Narrativ in Stammtischrunden und Kommentarspalten. Wer bislang dagegenhalten wollte, hatte Herstellerangaben und ein Bauchgefühl. Was bislang fehlte, war eine Datenbasis, die groß genug ist, um das Rauschen einzelner Anekdoten zu übertönen. AVILOO, der Wiener Spezialist für unabhängige Batteriediagnose, liefert genau das jetzt in einer beeindruckenden Größenordnung.

Der AVILOO Certified EV Battery Report, ab sofort halbjährlich, stützt sich auf über 500.000 unabhängige Tests an gebrauchten Elektroautos aus den Jahren 2022 bis 2026. Zwanzig gängige Modelle, vier Kontinente, gemessen quer durch alle Klimazonen. Es ist die bislang größte veröffentlichte Studie zu dem Thema, und sie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der europäische Gebrauchtwagenmarkt für E-Autos endlich Fahrt aufnimmt und plötzlich alle wissen wollen, was die teuerste Komponente im Fahrzeug eigentlich noch taugt.

Eine halbe Million Tests, gemessen statt geschätzt

Das methodische Fundament ist das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Untersuchung. AVILOO liest nicht den Wert aus, den das Batteriemanagementsystem selbst ausspuckt. Diese Zahl ist bekanntlich mit Vorsicht zu genießen: Sie fällt je nach Herstellerphilosophie mal optimistisch, mal konservativ, mal schlicht unlesbar aus. Stattdessen läuft der FLASH Test über den OBD-Anschluss, dauert drei Minuten und berechnet den State of Health mit einem statistischen Modell, das an Hunderttausenden vergleichbaren Fahrzeugen trainiert wurde. Ladezyklen, Zellspannung, Energiezählwerte, Kilometerstand, Alter, all das fließt in ein Ergebnis, das über Marken hinweg vergleichbar ist. Genau darum geht es: eine Kennzahl, die für einen VW ID.4 dasselbe bedeutet wie für einen Nissan Leaf.

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Der Report zeigt für jedes Modell den medianen State of Health bei drei Kilometerständen, 50.000, 100.000 und 150.000 Kilometer, und dazu ein 99-Prozent-Prognoseintervall, in dem sich die überwältigende Mehrheit der Fahrzeuge bewegt. Wer schon einmal versucht hat, Batterie-Daten aus verschiedenen Quellen zusammenzurühren, weiß, wie ungewohnt sauber das ist. Hier steht nicht der beste Kunde-des-Monats neben dem verunglückten Einzelfall, sondern eine Verteilung mit klarer statistischer Aussage.

Hände halten AVILOO FLASH-Testgerät in weißem Gehäuse mit blauem Streifen im Fahrzeuginnenraum
Das AVILOO FLASH-Gerät wird direkt im Fahrzeug angeschlossen und misst den State of Health der Traktionsbatterie. Quelle: AVILOO

Vier Modelle, vier Alterungsverläufe

Beispielhaft nimmt sich AVILOO vier Autos vor, die stellvertretend für unterschiedliche Konzepte stehen. Das Tesla Model Y mit 78,8 kWh, drei Jahre in Folge das meistverkaufte Auto der Welt, liegt bei 50.000 Kilometern median bei 94,5 Prozent State of Health und rutscht bis 150.000 Kilometer auf 90,3 Prozent. Übersetzt heißt das: rund 379 Kilometer reale Reichweite pro Ladung zu Beginn, etwa 362 Kilometer nach der harten Tour. Ein Verlust, den man in einer typischen Wochenendplanung kaum bemerken dürfte.

Der Volkswagen ID.4 mit 77 kWh, in der ersten Hälfte 2025 mit über 40.000 verkauften Einheiten eines der meistgekauften E-Autos Europas, liefert ein sehr ähnliches Bild: 95,3 Prozent bei 50.000 Kilometern, 90,6 Prozent bei 150.000 Kilometern. In Kilometern gerechnet also von etwa 373 auf 354. Der Hyundai IONIQ 5 mit 72,6 kWh schneidet nochmal einen Tick besser ab, startet median bei 97,2 Prozent und landet bei 92,8 Prozent. Weniger Absolutreichweite als beim Tesla, aber ein sanfterer Verlauf.

AVILOO-Vergleichsdiagramm: Batteriegesundheit (SoH) bei 50.000 km für 20 E-Auto-Modelle, Median 91–97 %
Bei 50.000 km erreichen die meisten E-Auto-Akkus einen Median-SoH von über 93 %. Nissan Leaf ZE1 und Renault Zoe schneiden am schwächsten ab. Quelle: AVILOO

Und dann ist da der Nissan Leaf ZE1 mit 40 kWh, das Auto, das die ganze Sache vor bald fünfzehn Jahren losgetreten hat. Über 650.000 Mal verkauft, das erste massentaugliche E-Auto überhaupt. Genau das macht ihn im Vergleich zum Sorgenkind: Wer dieselbe Wochenstrecke fährt wie ein Model-Y-Besitzer, muss den Leaf schlicht doppelt so oft an die Steckdose hängen. Und jeder Ladezyklus zählt. Median 91,1 Prozent bei 50.000 Kilometern, 86,3 Prozent bei 150.000 Kilometern, in realen Reichweiten von 196 auf 185 Kilometer. Das ist kein Auto mehr für die Fernreise, war es aber ehrlicherweise nie. Für den städtischen Alltag, den es tausendfach absolviert, ist der Wert weiter tragfähig. Der Leaf zeigt in Reinform, wie sehr Batteriegröße und Ladefrequenz zusammenhängen.

Über alle vier Beispiele hinweg lässt sich zusammenfassen, was der Report auch für die restlichen sechzehn Modelle nahelegt: Diese Werte zeigen sehr eindrücklich, wie leistungsfähig moderne E-Auto-Batterien selbst nach längerer Nutzung noch sind. Wer 2020 einen Tesla oder VW gekauft und seither anständig behandelt hat, sitzt heute nicht auf einem Schrottplatzkandidaten, sondern auf einem Fahrzeug, das den Großteil seiner ursprünglichen Fähigkeiten behalten hat. Das ist, gemessen an den Panikprognosen der frühen 2010er-Jahre, ein ziemlich unspektakulär gutes Ergebnis.

Die eigentliche Nachricht steckt in der Streuung

Der Median ist die eine Seite der Geschichte. Die andere, spannendere, sind die Ausreißer. Selbst innerhalb desselben Modells klaffen die Werte weit auseinander. Beim Model Y liegen bis zu 11 Prozentpunkte State of Health zwischen dem besten und schlechtesten getesteten Fahrzeug, was rund 46 Kilometer realer Reichweite entspricht. Beim ID.4 sind es 11 bis 12 Prozentpunkte, beim IONIQ 5 über 12, beim Leaf sogar bis zu 13,5 Prozentpunkte. Das ist der Unterschied zwischen einem Auto, das den geplanten Tagesausflug locker absolviert, und einem, das einen zusätzlichen Ladestopp braucht.

AVILOO-Diagramm: Batteriegesundheit (SoH) von 20 E-Autos bei 100.000 km – Nissan Leaf ZE1 und Renault Zoe am schwächsten
Bei 100.000 km erreichen Hyundai IONIQ 5 und EQA die höchsten Median-SoH-Werte; Nissan Leaf ZE1 und Renault Zoe bilden das Schlusslicht. Quelle: AVILOO

Für den Gebrauchtwagenmarkt ist das die eigentlich harte Nachricht. Ein einzelner Durchschnittswert pro Baureihe hilft dem Käufer beim konkreten Fahrzeug wenig, weil sein Auto irgendwo in dieser breiten Verteilung sitzt, und niemand weiß vorher, ob im oberen oder unteren Viertel. Zwei baugleiche IONIQ 5, Baujahr 2022, gleicher Kilometerstand, können beim tatsächlichen State of Health zwölf Prozentpunkte auseinanderliegen. Das schlägt direkt auf den Preis durch, den Käufer zahlen sollten, und auf das Risiko, das Kreditgeber und Versicherer einpreisen müssten.

Marcus Berger, CEO von AVILOO, formuliert es in dem Report nüchtern: „Zehn oder fünfzehn Prozentpunkte Unterschied beim State of Health bedeuten einen echten Unterschied bei Reichweite, Wert und Verlässlichkeit. Ohne unabhängigen Test wissen Sie einfach nicht, wo Ihr Auto in dieser Bandbreite steht.“ Es ist ein Satz mit eindeutigem Geschäftsinteresse dahinter, aber er passt zur Datenlage.

Warum Klima und Nutzung so viel ausmachen

Dass ein Nissan Leaf in Norwegen anders altert als in Andalusien, ist keine Überraschung, aber die schiere Bandbreite der Streuung innerhalb eines Modells legt nahe, dass hier mehr zusammenkommt als nur die Umgebungstemperatur. Ladeverhalten, Anteil der Schnellladungen, durchschnittlicher Ladestand, Kurzstrecke gegen Langstrecke, das alles addiert sich über 150.000 Kilometer zu deutlich unterschiedlichen Alterungspfaden. Der Vorteil der AVILOO-Datenbasis: Sie kommt aus Nord- und Südamerika, Europa, Australien und Asien und mittelt damit über Klimazonen, die man in einer rein europäischen Studie nie zusammenbekäme.

Für den Käufer heißt das dreierlei. Erstens: Die Modellwahl ist wichtig, aber weniger dramatisch als gedacht. Die drei größeren Batterien der Beispielmodelle liegen bei 150.000 Kilometern innerhalb weniger Prozentpunkte auseinander. Zweitens: Die Historie eines konkreten Fahrzeugs zählt mehr als die Baureihe. Und drittens, ein sehr banaler, aber gern vergessener Punkt: Wer ein E-Auto viel und intensiv nutzt und dabei einen Akku mit angemessener Größe hat, fährt in Sachen Batteriegesundheit besser als jemand, der ein E-Auto mit knapp bemessener Kapazität permanent bis an die Grenze bringt. Der Leaf illustriert das eindrucksvoll.

AVILOO-Diagramm: Batteriegesundheit (SoH) von 20 E-Auto-Modellen bei 150.000 km, Median und Streuungsband
Hyundai Ioniq 5 und Mercedes EQA erreichen bei 150.000 km die höchsten Median-SoH-Werte; Nissan Leaf ZE1 zeigt die größte Streuung. Quelle: AVILOO

Was der Report für den Gebrauchtmarkt verändert

Der europäische Gebrauchtwagenmarkt für E-Autos hat lange darunter gelitten, dass niemand wusste, wie man den Zustand der teuersten Komponente sauber bewertet. Beim gebrauchten Diesel schaut man auf Kilometer, Öl, Zahnriemen. Beim gebrauchten E-Auto war die Batterie eine Blackbox, und wenn der Käufer Pech hatte, entschied der Bauch des Händlers über den Preis. Restwerte lagen entsprechend im Keller, weil das Risiko einfach eingepreist wurde.

Ein unabhängiges Zertifikat, das die konkrete Batterie eines konkreten Fahrzeugs vermisst und mit einer statistischen Modelldatenbank abgleicht, schafft in genau dieser Lücke Wert. Nicht zufällig setzen Mercedes-Benz, Volvo und die Porsche Holding AVILOO bereits als bevorzugten unabhängigen Prüfpartner in ihren Händlernetzen ein. Die Leasinggesellschaften Ayvens und Arval nutzen den Test beim Rückkauf am Ende der Vertragslaufzeit, die Auktionshäuser BCA und Cox Automotive haben ihn in ihre europäischen Abläufe integriert, ebenso die Händlergruppen Hedin und Emil Frey. Das ist eine Liste, die zeigt, dass die Batteriegesundheit in der Wertschöpfungskette angekommen ist, nicht mehr nur als PR-Thema, sondern als handelbare Kennzahl.

Seit dem Sommer flankiert AVILOO das Ganze mit einer europaweiten Batterie-Garantie. Für jedes getestete Fahrzeug berechnet das Unternehmen aus seiner Datenbank einen Mindestwert, den die Batterie nach einem Jahr und 20.000 weiteren Kilometern noch erreichen muss. Wird der unterschritten, gibt es 3.000 Euro Ausgleich. Die Garantie gilt in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden, Finnland, Großbritannien, Belgien, Irland, Frankreich, Schweden, Norwegen und Dänemark. Das ist keine Vollkasko für Akkuschäden, aber ein konkreter, bezifferter Rückhalt für eine Zahl, die vorher reine Vertrauenssache war.

AVILOO-Benchmark: SoH und Reichweite von IONIQ 5, Nissan Leaf ZE1, Tesla Model Y und VW ID.4 bis 150.000 km
Bei 150.000 km bleiben Tesla Model Y, VW ID.4 und Hyundai IONIQ 5 median über 90 % SoH – der Nissan Leaf ZE1 fällt auf 85,85 %. Quelle: AVILOO

Der ehrliche Blick auf die Batterie-Frage

Was bleibt am Ende einer halben Million Tests? Erstens die Entwarnung, dass E-Auto-Batterien im Aggregat deutlich robuster altern, als die öffentliche Debatte lange suggeriert hat. Neunzig Prozent State of Health nach 150.000 Kilometern bei den großen Volumenmodellen ist ein Wert, mit dem sich in Europa sehr gut Auto fahren lässt. Zweitens die Warnung, dass der Durchschnittswert allein niemanden weiterbringt, der ein einzelnes Fahrzeug bewerten will. Zwischen dem besten und dem schlechtesten Model Y liegen 46 Kilometer Reichweite, und das ist im Alltag genau die Distanz, an der sich Sympathie oder Ärger mit einem Auto entscheiden.

Die interessante Verschiebung dieser Studie: Das Argument gegen den E-Auto-Gebrauchtkauf verschiebt sich von „die Batterie ist doch nach fünf Jahren durch“ hin zu „ich muss wissen, welche Batterie ich konkret vor mir habe“. Das ist ein deutlich reiferer Diskurs, und er trägt endlich die Züge des normalen Gebrauchtwagenkaufs, den wir bei Verbrennern seit Jahrzehnten pflegen. Der nächste Report kommt in sechs Monaten. Bis dahin dürften weitere Zehntausende Tests dazukommen, und die Verteilungskurven werden noch etwas schärfer. Es spricht wenig dagegen, dass sich das Bild in seinen Grundzügen bestätigt.

Häufige Fragen

Wie stark verlieren E-Auto-Batterien nach 150.000 Kilometern an Kapazität?

Laut AVILOO liegen Tesla Model Y, VW ID.4 und Hyundai IONIQ 5 median zwischen 90,3 und 92,8 Prozent State of Health bei 150.000 Kilometern. Der Nissan Leaf ZE1 mit kleiner 40-kWh-Batterie kommt auf 86,3 Prozent. In realer Reichweite entspricht das bei den großen Modellen einem Verlust von rund 15 bis 20 Kilometern gegenüber 50.000 Kilometern Laufleistung.

Warum unterscheiden sich baugleiche E-Autos so stark im Batteriezustand?

Zwischen einzelnen Fahrzeugen desselben Modells liegen bis zu 13,5 Prozentpunkte State of Health. Ursachen sind Klima, Ladeverhalten, Anteil der Schnellladungen, durchschnittlicher Ladestand und Nutzungsintensität. Deshalb sagt der Modelldurchschnitt wenig über ein konkretes Fahrzeug aus. Nur eine unabhängige Messung zeigt, wo ein bestimmtes Auto in der Bandbreite tatsächlich steht.

Wie funktioniert der AVILOO FLASH Test?

Der Test läuft über den OBD-Anschluss und dauert drei Minuten. Er liest nicht den Wert des Batteriemanagementsystems aus, sondern berechnet den State of Health mit einem statistischen Modell, das an Hunderttausenden Fahrzeugen trainiert wurde. Einbezogen werden Ladezyklen, Zellspannung, Energiezählwerte, Kilometerstand und Alter. Das Ergebnis ist markenübergreifend vergleichbar.

Was leistet die AVILOO Batterie-Garantie?

Seit Sommer 2026 gilt sie europaweit. AVILOO berechnet für jedes getestete Auto einen Mindest-State-of-Health, den die Batterie nach einem Jahr und 20.000 weiteren Kilometern noch erreichen muss. Wird dieser unterschritten, erhalten Käufer in den meisten Ländern 3.000 Euro. Die Garantie gilt unter anderem in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Großbritannien.

Welche Modelle wurden im aktuellen Report untersucht?

Der Report deckt 20 gängige E-Auto-Modelle ab, exemplarisch vorgestellt werden Tesla Model Y mit 78,8 kWh, Volkswagen ID.4 mit 77 kWh, Hyundai IONIQ 5 mit 72,6 kWh und Nissan Leaf ZE1 mit 40 kWh. Grundlage sind über 500.000 unabhängige FLASH-Tests zwischen 2022 und 2026 aus Nord- und Südamerika, Europa, Australien und Asien.