Monaco gehört zu den Klassikern im Formel-E-Kalender, und Runde neun der zwölften Saison hatte alles, was den Reiz dieser Serie ausmacht: einen souveränen Sieger, einen neuen WM-Führenden, ein Podium, das erst nach Rennende feststand – und obendrein einen Schuss Hollywood-Glamour im Fahrerlager.

Nyck de Vries hat am Samstag in Monte Carlo seinen ersten Sieg für Mahindra Racing eingefahren – und für den indischen Rennstall den ersten Erfolg in der Gen3-Ära überhaupt. Der Niederländer startete aus der ersten Reihe, fuhr eine taktisch makellose Pit-Boost-Strategie und überquerte die Ziellinie mit rund drei Sekunden Vorsprung. Es ist sein fünfter Karrieresieg in der Formel E – und der erste seit Berlin 2022.
Pit Boost zur richtigen Zeit
Strategie war an diesem Tag der entscheidende Hebel. De Vries gehörte zu den ersten Fahrern, die ihren Pflichtstopp absolvierten – er kam bereits in Runde 16 an die Box. Beim Pit Boost werden bei einem rund 30 Sekunden langen Stopp mit 600 kW zusätzliche Energie nachgeladen, was etwa zehn Prozent mehr Kapazität für den Rest des Rennens bedeutet. Anschließend aktivierte de Vries in Runde 20 seinen Attack Mode zum perfekten Zeitpunkt, ging am bis dahin führenden António Félix da Costa (Jaguar) vorbei und ließ sich die Spitze nicht mehr nehmen. Von den hitzigen Zweikämpfen hinter ihm blieb der 31-Jährige bemerkenswert unbeeindruckt.
„Theoretisch war das der perfekte Plan – und er ist aufgegangen. Aber den Job musst du auch machen.“ – Nyck de Vries
De Vries‘ Erleichterung war im Ziel mit Händen zu greifen. Der ehemalige Formel-2- und Formel-E-Champion war 2024 zu Mahindra gewechselt, als das Team noch das vorletzte in der Wertung war. Eine Saison später folgte Platz vier in der Teamwertung, doch ein Sieg blieb aus. Der nun erste gemeinsame Erfolg ist daher mehr als nur ein Tagesergebnis – er ist eine Bestätigung des eingeschlagenen Wegs.

Evans neuer WM-Führender
Hinter de Vries fuhr Mitch Evans (Jaguar TCS Racing) auf Rang zwei – sein fünftes Monaco-Podium. Wichtiger als die Platzierung ist der Effekt auf die Meisterschaft: Mit den 18 Punkten übernimmt Evans die Führung in der Fahrerwertung und liegt nun 15 Punkte vor Pascal Wehrlein (Porsche), der die WM bislang angeführt hatte. Auch in der Teamwertung wirkt sich das aus: Jaguar zieht an Porsche vorbei. In der Herstellerwertung bleibt Porsche allerdings vorn.
Der Neuseeländer war anfangs zurückhaltend unterwegs, profitierte dann aber von der Boxenstopp-Phase und arbeitete sich nach vorn. Ein Berührungsmoment beschäftigte ihn anschließend nervlich mehr als sportlich: Nach einem Reifenkontakt fühlte sich das Heck seines Jaguar unruhig an – Evans rechnete bereits mit einem Plattfuß. Der Reifendruck blieb jedoch im grünen Bereich, das Rennen ging unverändert weiter. Den Sieg überließ er fairerweise den Mahindra-Männern, deren Tempo den ganzen Tag über kaum einzuholen war.
„In dieser Phase der Meisterschaft sind solche Ergebnisse riesig.“ – Mitch Evans
Erster Spanier auf dem Formel-E-Podium
Den dritten Podestplatz holte sich am Ende Rookie Pepe Martí (Cupra Kiro) – und damit der erste Spanier überhaupt in der Formel-E-Geschichte. Martí war als Vierter über die Linie gefahren, rückte aber durch eine nachträgliche Strafe gegen Polesetter und Teamkollege Dan Ticktum nach. Ticktum war in der Schlussphase mit da Costa kollidiert und hatte das Podium so noch verspielt.
Für den jungen Martí, der von Startplatz 15 nach vorn gefahren war, ist Rang drei das bisher beste Karriereresultat. Im Interview wirkte er entsprechend baff: Eigentlich sei er schon mit Platz vier zufrieden gewesen, hieß es – ein Podium in Monaco habe er nicht erwartet. Für Cupra Kiro markiert das Ergebnis trotz Ticktum-Pech einen starken Auftritt: Pole-Position, ein dritter Platz und damit nachhaltig der Beweis, dass das Auto derzeit zu den schnellsten im Feld zählt.

F1-Stars beim Hausbesuch
Bemerkenswert ist auch die Aufmerksamkeit, die das Rennen außerhalb der Boxengasse bekam. Zwei Wochen vor dem Großen Preis von Monaco gaben sich mehrere Formel-1-Stammfahrer im Fahrerlager die Klinke in die Hand – darunter Carlos Sainz, Nico Hülkenberg sowie die Grid-Neulinge Ollie Bearman und Gabriel Bortoleto. Hintergrund: Das ab 2026 geltende Formel-1-Reglement schreibt eine deutlich stärkere Elektrifizierung der Antriebe vor. Das macht die Energiemanagement-Strategien der Formel E plötzlich auch für die Königsklasse interessant – ein Studienbesuch sozusagen, bevor die F1 selbst auf den Straßen von Monte Carlo antritt.

Für viele der F1-Fahrer war das Wochenende zugleich ein Nachhausekommen: In ihren Junior-Karrieren waren sie mit einem Großteil des heutigen Formel-E-Feldes Seite an Seite unterwegs. Über den sportlichen Aspekt hinaus war zudem prominenter Besuch aus Film und Sport zu Gast – darunter Schauspieler Idris Elba sowie Susie Wolff, Geschäftsführerin der F1 Academy und ehemalige Teamchefin von Venturi in der Formel E. Die Mischung aus Motorsport, Glamour und Popkultur, die Monaco seit jeher prägt, hat in der Formel E offenbar einen passenden Aggregatzustand gefunden.
Ausblick
Sportlich rückt die Meisterschaft weiter zusammen. Drei verschiedene Tabellenführer innerhalb weniger Rennen, eine Top-Sechs mit überschaubaren Abständen und ein Sieger, der noch zu Saisonbeginn um Punkte gekämpft hat – die zwölfte Saison liefert weiter das, was Formel-E-Fans erwarten. Wie es weitergeht, lässt sich nicht lange aufschieben: Schon am Sonntag, dem 17. Mai, steht in Monaco mit Runde zehn das zweite Rennen des Doppelevents an. Wir sind gespannt, ob Mahindra nachlegen kann, ob Evans seinen frischen WM-Vorsprung verteidigt – und ob Pepe Martí noch einmal an die Bilder vom Samstag anknüpfen kann.
