Kia baut sein elektrisches Nutzfahrzeug-Portfolio zügig aus, und zwar mit einer Beharrlichkeit, die man in dieser Klasse zuletzt eher von französischen Herstellern kannte. Ein Jahr nach dem PV5, dem gerade frisch gekürten „International Van of the Year 2026″, schiebt die Marke auf der IAA Transportation in Hannover den PV7 nach. Das ist keine bloße Vergrößerung, sondern die zweite Ausbaustufe einer PBV-Strategie, die Kia offensichtlich ernster meint als so mancher etablierte Transporter-Konzern seine eigenen Stromer-Pläne.
Die zweite Ausbaustufe eines Werkzeugkastens
PBV steht bei Kia für „Platform Beyond Vehicle“, ein Konzept, das über den klassischen Van hinauszielen soll und Fahrzeug, Software und Service als ein Paket versteht. Der PV5 hatte das im urbanen Format vorgeführt, mit dem Bild einer „Open Box“ für den Stadtverkehr. Der PV7 folgt jetzt der internen Erzählung von der „Tool Box“, also dem Werkzeugkasten für alle, denen der PV5 zu klein wird: Logistik, Shuttle-Betrieb, mittelständische Flotten, Reiseanbieter, größere Familien.

Rein numerisch heißt das: 5,35 Meter Länge, 2,03 Meter Breite, 1,99 Meter Höhe, 3,50 Meter Radstand. Damit spielt der PV7 in der Klasse eines Mercedes Vito oder Ford Transit Custom Long, in der Passenger-Version reicht er in Europa bis zu neun Sitzplätzen, in Korea sogar bis zu elf. Das Fundament liefert die E-GMP.S, eine Ableitung der bekannten Elektro-Konzernplattform, die speziell auf Nutzfahrzeug-Anforderungen zugeschnitten ist: durchgehend ebener Boden, niedrige Ladekante, flexible Aufbauten.
Der Marktstart in Europa und Korea ist für das zweite Halbjahr 2027 angesetzt, weitere Regionen und Derivate sollen folgen. Bis dahin will Kia die PV7-Familie auf insgesamt 23 Varianten aufblähen: drei Cargo-Karosserien (Standard, Lang, Hochdach), zwei Passenger-Größen, dazu ein Chassis Cab für Aufbauhersteller und ein breites Feld an Umrüstversionen. 2029 soll dann der noch größere PV9 nachrücken.
800 Volt im Handwerker-Transporter

Der eigentliche Aufreger steckt aber unter dem Blech, und hier zeigt Kia, wie ernsthaft die Marke es mit der Elektrifizierung des LCV-Segments meint. Zwei NMC-Akkus stehen zur Wahl: 71,5 oder 96,2 kWh brutto. Der Frontantrieb leistet je nach Konfiguration bis zu 200 kW und 420 Nm, eine Allradvariante ist für später eingeplant. Die Reichweite gibt Kia für den PV7 Cargo mit dem großen Akku mit rund 460 Kilometern nach WLTP-Kriterien an, allerdings auf Basis interner Messungen, die deutsche Homologation steht naturgemäß noch aus.
Der eigentliche Trumpf ist die 800-Volt-Architektur, die Kia hier vom E-GMP-Baukasten der Pkw-Modelle mitbringt. An einer 350-kW-Ladesäule soll der Akku in etwa 25 Minuten von zehn auf achtzig Prozent klettern. Für einen Transporter dieser Größe ist das eine Ansage: Wer heute mit einem konkurrierenden E-Transporter auf Tour geht, weiß, dass die üblichen 100 oder 150 kW Ladeleistung den Arbeitstag schnell in eine Ladepausenchoreografie verwandeln. Der PV7 hat damit das Zeug, tatsächlich Langstrecke zu können, und macht die Passagier-Variante zur ernsthaften Reiselimousine im XXL-Format, nicht nur zum Zubringer im Umkreis von 200 Kilometern.
Ergänzt wird das durch eine für die Klasse ungewöhnliche Doppelung der Ladeanschlüsse: vorn AC und DC, hinten optional zusätzlich AC. Wer einmal versucht hat, mit einem klassischen Transporter rückwärts an eine Ladesäule zu rangieren, während der Anschluss über dem linken Vorderrad sitzt, wird das Detail zu schätzen wissen. Dazu kommt V2L, also Vehicle-to-Load: 230-Volt-Steckdosen innen und außen speisen Werkzeug, Kaffeemaschine oder Baustellenbeleuchtung direkt aus dem Fahrakku. Für Handwerker, Filmcrews oder Event-Ausstatter ist das kein Gimmick, sondern ein Argument.

Cargo für die Pragmatiker
Der PV7 Cargo zielt klar auf Logistik, Lieferdienste und den KMU-Markt. Die Langversion mit Normaldach fasst bis zu 6,1 Kubikmeter nach VDA-Standard, die Hochdach-Variante bis zu 8,0 Kubikmeter. Die Nutzlast liegt bei bis zu 1.200 Kilogramm in der Standardversion und 1.165 Kilogramm in der Langversion, drei Europaletten mit den klassischen Maßen 800 × 1.200 mm passen in den Frachtraum, die Ladekante sitzt bei 550 Millimetern. Angeboten wird der Cargo als Zwei- oder Dreisitzer.
Für den Alltag hat Kia sichtlich mit Flottenbetreibern gesprochen. Beim Heckzugang können Kunden zwischen weit öffnender Doppelflügeltür für enge Ladehöfe und klassischer Klappe nach oben wählen. Ein Fahrmodus für schwere Zuladung passt die Fahrzeugregelung an die Nutzlast an. Die Bodenbeläge sind je nach Einsatzzweck konfigurierbar. Eine Trennwand mit Durchladefunktion ist für den Dreisitzer verfügbar. Und die „Walk Away Lock“-Funktion schließt die seitliche Schiebetür automatisch, sobald sich der Fahrer mit dem Schlüssel entfernt, eine kleine, aber im hektischen Zustellalltag hochwillkommene Automatik.
Praktisch auch die austauschbaren Stoßfängerecken sowie Radlauf- und Türverkleidungen. Wer schon einmal einen Kleinschaden an einem Transporter kalkuliert hat, weiß, wie schnell aus einem Parkrempler ein vierstelliger Werkstattbesuch wird. Kia baut den PV7 hier ausdrücklich reparaturfreundlich, was in Flotten-Kalkulationen direkt auf die Betriebskosten durchschlägt.

Passenger für die, die Komfort ernst nehmen
Die Passagier-Variante ist die interessantere Erzählung, weil sie das Format des klassischen Neunsitzers neu interpretiert. Bis zu neun Plätze in Europa, dazu variable Sitzkonfigurationen: Der Siebensitzer bekommt die „Long-Rail Easy Remove Seats“, die weit längsverschiebbar und leicht herausnehmbar sind. Der Neunsitzer ist wahlweise mit oder ohne vierte Reihe zu haben. Eine separate Klimaanlage im Fond, USB-C-Ports mit üppigen 100 Watt Ladeleistung und optional elektrische Schiebetüren zeigen, dass Kia diese Variante nicht nur für den Hotel-Shuttle konzipiert hat, sondern auch für Familien, die den klassischen Van-Komfort ins Elektrozeitalter mitnehmen wollen.

Innen setzt Kia beim Passenger auf ein Lounge-Motiv: zweifarbige Oberflächen, geschlossene Staufächer, optionale Ambientebeleuchtung, eine Mittelkonsole, die sich in der Pause als Tisch nutzen lässt. Die Farbwelt heißt „Onyx Black“, „Onyx Black & Gray“ oder „Sand & Taupe“, außen sind Töne wie „Fjord Blue“, „Solid Moonrock Gray“ und „Lush Green“ vorgesehen, beim Passenger zusätzlich Mattlackierungen. Biobasierte und recycelte Materialien kommen an vielen Stellen zum Einsatz. Das klingt nach Konzernpflichtprogramm, dürfte in der Praxis aber zumindest den Geruchseindruck an einem heißen Julitag verbessern.
Der Cargo bleibt innen erwartungsgemäß pragmatischer, mit „Onyx Black“ serienmäßig, optional „Deep Navy“, und einer gesprenkelten, schmutz- und kratzfesten offenen Ablage. Beim Dreisitzer klappt die Rückenlehne des Mittelsitzes nach vorn und wird zur Ablagefläche, eine der Lösungen, die man aus französischen Handwerkerbullis kennt und die dort seit Jahrzehnten geschätzt wird.

Android im Cockpit, KI im Ohr
Digital verwaltet wird das Ganze über Pleos Connect, ein Infotainmentsystem auf Basis von Android Automotive OS. Zwei Displays, 12,9 und 14,6 Zoll, bilden die Bedienzentrale. Kia verspricht ein „Smartphone-ähnliches“ Erlebnis mit vernetzter Navigation, offenem App-Marktplatz für Kia-eigene und Drittanbieter-Apps sowie Over-the-Air-Updates. Dazu kommt Gleo AI, ein KI-Sprachassistent, der Fahrzeug-, Navigations- und Nachrichtenfunktionen per natürlicher Sprache steuern soll.
Kia verzichtet aber ausdrücklich nicht auf physische Tasten für häufig genutzte Funktionen. Nach den kollektiven Erfahrungen mit rein touch-basierten Cockpits der vergangenen Jahre ist das eine kluge Entscheidung, und im Nutzfahrzeugsegment, wo Handschuhe, Nässe und stressiger Alltag zur Realität gehören, ist sie ohnehin alternativlos.
Auf der Software-Seite liefert Kia dazu das Ökosystem „Kia Business Solutions“: Flottenmanagement, Ladeinfrastruktur-Steuerung, Wartungsplanung, APIs für vernetzte Fahrzeugdaten. Dedizierte „Uptime“-Services sollen mit Echtzeitüberwachung und vorausschauender Diagnose Ausfälle minimieren. Das ist inzwischen Standard-Rhetorik im Segment, aber in der Praxis der entscheidende Hebel: Wer heute einen Transporter kauft, kauft immer weniger nur ein Fahrzeug und immer mehr ein Betriebskonzept.

Sicherheit, Assistenz und ein Airbag unter dem Dach
Beim Sicherheitspaket fährt Kia die volle Bandbreite auf: sieben Airbags, darunter ein unter dem Dach platzierter Beifahrerairbag, der auf der Beifahrerseite Platz für zusätzliche Ablagen im Armaturenbrett frei macht. An Assistenzsystemen ist unter anderem der Autobahnassistent 2.0 an Bord, dazu navigationsgestützte adaptive Geschwindigkeitsregelung, Frontkollisionswarner, Spurhalteassistent 2.0, fernbedienbarer Parkassistent, Rundumsichtkamera sowie Parksensoren rundum. Eine integrierte Built-in Cam 3.0 kann Fahrvideos aufzeichnen. Welche Systeme in welcher Version zum Serienumfang gehören, macht Kia wie üblich vom Markt und der Ausstattungsstufe abhängig.

Design zwischen Aufrichtigkeit und Premium-Anspruch
Optisch bleibt der PV7 der Formsprache treu, die der PV5 etabliert hat. Aufrechte Proportionen, eine kantige Silhouette, weit vorn positionierte Kabine, flache Dachlinie. Die charakteristische schwarze Haube, die visuelle Verbindung zwischen A-Säulen und Tagfahrlicht, die „One Box“-Anmutung. Karim Habib, Designchef bei Kia, spricht von menschenzentriertem Design auch im Nutzfahrzeug, was in der Übersetzung heißt: großzügige Verglasung, abgesenkte Gürtellinie vorn, Haltegriff an der A-Säule, optimierte Sitzposition, durchdachte Zugangsgeometrie.
Die Cargo- und Passenger-Varianten unterscheiden sich in den Radlaufverkleidungen, in der Fensterarchitektur und in der Rückansicht. Sichtbare Scharniere und eine klare Anordnung der Öffnungen betonen den Werkzeug-Charakter des Fahrzeugs, ohne ins Prollige zu kippen. Für einen Van, der sich in Konzernpräsentationen zwischen Handwerker-Bus und Familienshuttle wiederfindet, ist das eine bemerkenswert konsistente Formidee.

Was Kia in Hannover zeigt und wohin die Reise geht
Auf der IAA Transportation stellt Kia drei PV7 aus, eine Langversion des Passenger und zwei Langversionen des Cargo, dazu sieben Ableger des PV5, vom Chassis Cab über den rollstuhlgerechten WAV bis zum umgebauten Food Truck. Parallel läuft der „Global PBV Conversion Partners Day 2026″ mit 31 Umrüstpartnern, die das PBV-Ökosystem tragen sollen. Gebaut wird der PV7 im speziell für PBVs errichteten Kia-Werk Hwaseong EVO Plant in Südkorea, direkt daneben liegt das Umrüstzentrum, das flexibel Standard- und Umbaumodelle abwickelt.
Was bleibt, ist der Eindruck eines Herstellers, der die Elektrifizierung im Transportersegment nicht als Pflichtübung, sondern als eigenständige Produktkategorie versteht. Der PV5 hat gezeigt, dass Kia im urbanen Format liefern kann. Der PV7 dehnt das Konzept auf die Langstrecke und in die Neunsitzer-Klasse aus, mit 800-Volt-Technik, doppelten Ladeanschlüssen und einer Reichweite, die für die Klasse ordentlich ist. Bis zur Marktreife 2027 werden die Wettbewerber, allen voran Ford, Mercedes, Renault und Stellantis, noch nachlegen. Aber die Latte, die Kia hier hinlegt, ist deutlich höher als das, was in der Klasse aktuell auf der Straße rollt.
Häufige Fragen
Wann kommt der Kia PV7 auf den Markt?
Die Markteinführung des PV7 Passenger und PV7 Cargo in Europa und Korea ist für das zweite Halbjahr 2027 geplant. Weitere Märkte, Derivate und Umrüstversionen sollen zeitlich nachrücken.
Welche Batterien und welche Reichweite bietet der PV7?
Kia bietet zwei NMC-Batterien mit 71,5 und 96,2 kWh an. Der PV7 Cargo erreicht mit dem großen Akku nach Kia-internen Messungen auf WLTP-Basis rund 460 Kilometer Reichweite. Die endgültige Homologation für Deutschland steht noch aus.
Wie schnell lädt der Kia PV7?
Dank 800-Volt-Architektur lädt der PV7 an einer 350-kW-Station laut Kia in etwa 25 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Ladeanschlüsse sitzen vorn (AC/DC) und optional zusätzlich hinten (AC), was das Rangieren an Säulen erleichtert.
Wie viele Sitzplätze und wie viel Laderaum hat der PV7?
Der PV7 Passenger bietet in Europa bis zu neun Sitzplätze mit variablen Konfigurationen. Der PV7 Cargo fasst bis zu 6,1 Kubikmeter Laderaum in der Langversion und bis zu 8,0 Kubikmeter in der Hochdachvariante, bei einer Nutzlast von bis zu 1.200 Kilogramm.
Welche Leistung hat der PV7?
Der frontgetriebene PV7 mobilisiert je nach Markt und Konfiguration bis zu 200 kW Leistung und 420 Nm Drehmoment. Eine Allradvariante ist für einen späteren Zeitpunkt angekündigt.
Kann der PV7 externe Geräte mit Strom versorgen?
Ja. Über die Vehicle-to-Load-Funktion stellt der PV7 an 230-Volt-Steckdosen innen und außen Strom für Werkzeuge, Geschäftsausrüstung oder andere Geräte bereit. Das macht ihn besonders für Handwerk, Baustellen und mobile Einsätze attraktiv.
