Bisher waren die Zutaten des vernetzten Zuhauses über mehrere Geräte verteilt: ein NAS für Dateispeicher, eine Überwachungszentrale für Kamera-Feeds, ein Smart-Home-Hub für Lichter und Thermostate, und irgendwo am Rand noch ein Sprachassistent, der mit seinen Servern in einer fernen Rechenzentrum-Halle kommuniziert. Ugreen, bislang als Hersteller solider USB-Hubs, Ladegeräte und inzwischen auch NAS-Systeme bekannt, hat nun all diese Schichten in einem einzigen Gerät zusammengeführt — und gleichzeitig beschlossen, die zugehörige KI direkt ins Gehäuse zu integrieren, statt sie in die Cloud auszulagern. Das Ergebnis heißt HomeAgent. Die Frage ist: Was steckt wirklich dahinter?
Ein Hub, der vieles auf einmal sein will
Der Kern des Konzepts ist nicht schwer zu beschreiben, aber ungewöhnlich in seiner Konsequenz. Der HomeAgent soll gleichzeitig als NAS (Network Attached Storage), als NVR (Network Video Recorder) für Sicherheitskameras, als Matter-Controller für Smarthome-Geräte und als lokal rechnende KI-Zentrale funktionieren. Lokale Verarbeitung ist dabei kein beiläufiges Feature, sondern das erklärte Fundament: Kamerabilder, Sprachbefehle und Gerätedaten sollen das Gehäuse nicht verlassen müssen.

Ugreen bietet drei Geräte an, die sich in Leistung, Konnektivität und Preis erheblich unterscheiden. Der HA100 basiert auf einem Rockchip RK3588, kommt mit 16 GB LPDDR5-Arbeitsspeicher und bringt 26 TOPS KI-Leistung mit. Drei Laufwerkseinschübe für Speichererweiterung sind vorhanden, dazu ein M.2-NVMe-Slot, der ausschließlich für KI-Modelle reserviert ist. Der HA100 Pro setzt auf einen CIX-CP8180-SoC mit 32 GB RAM und erreicht nach Herstellerangaben 205 TOPS — wobei NAS Compares zu Recht darauf hinweist, dass diese Zahl aus mehreren summierten Prozessorkomponenten entstammt und kein direktes Äquivalent zur MA100-Angabe ist. Der Pro-Ableger bietet zudem 10GbE-Netzwerkanschluss und vier PCIe-4.0-NVMe-Lanes.
Dann ist da noch der MasterAgent MA100, und der sprengt die Kategorie. Er basiert auf Nvidias Jetson Thor T5000-Plattform, kombiniert einen 14-Kern-Arm-Neoverse-CPU mit einer 2.560-Kern-Blackwell-GPU, 5th-Generation Tensor Cores und 128 GB LPDDR5X-Speicher mit 273 GB/s Bandbreite. Die angegebene KI-Leistung beträgt 2.070 TFLOPS (Sparse FP4) — ein Wert, der mit der TOPS-Zahl der kleineren Modelle nicht direkt vergleichbar ist, da unterschiedliche Messformate zugrunde liegen. Was bleibt, ist das Bild eines miniaturisierten KI-Servers, der im Wohnzimmerregal stehen soll. Die Connectivity auf der MA100-Ebene umfasst 100GbE und PoE++, dazu drei SATA-Schächte, einen dedizierten NVR-Einschub und zwei PCIe-3.0-NVMe-Slots.
Die Protokoll-Kompatibilität ist breit aufgestellt: Der Hub spricht Matter (von Beginn an), Zigbee und Thread (als späteres Update angekündigt), dazu Bluetooth, NFC, ONVIF/RTSP und PoE. Als Matter-Controller lassen sich Geräte von Aqara, SwitchBot, ThirdReality und Eve einbinden — vorerst beschränkt auf Lampen, Schalter, Sensoren und Jalousien. Home-Assistant-Unterstützung ist laut Ugreen vor dem Launch geplant.

Uliya: Eine KI-Assistentin, die zuhört — lokal
Das zentrale Interface des Systems ist die Sprachassistentin Uliya. Hinter ihr steckt das Open-Source-Sprachmodell Qwen3 als lokales LLM, ergänzt durch die Option, bei Bedarf auf Cloud-Modelle wie ChatGPT umzuschalten. Ugreen beschreibt das als bewusste Flexibilität: Lokale Verarbeitung für sensible Daten, Cloud für komplexe Reasoning-Aufgaben, zwischen beiden Modi kann der Nutzer jederzeit wechseln.
Was Uliya können soll, liest sich zunächst ambitioniert: Sie soll Kamerabilder in Echtzeit analysieren und Personen, Fahrzeuge, Haustiere oder Pakete erkennen, auf Ereignisanfragen antworten, Automationen per Sprache erstellen und durch archiviertes Videomaterial per Schlüsselwort navigieren. Der zugehörige Smart Speaker aktiviert sich auf das Wakeword „Uliya“, verfügt über einen LED-Ring und soll im Early-Bird-Preis für 69 Dollar erhältlich sein, regulär 99 Dollar kosten. Zum Ökosystem gehört außerdem ein 13,3-Zoll-E-Ink-Bilderrahmen, der Ugreen Gallery, zum Early-Bird-Preis ab 299 Dollar.
Die Kamera-Integration läuft über die hauseigene SynCare-Linie: eine Indoor-Kamera, eine PoE-Außenkamera und eine Akku-Außenkamera stehen als optionale Zubehörartikel im Kickstarter-Rahmen. Das Kameramaterial soll dabei lokal auf dem Hub gespeichert und ohne Abo-Gebühren analysiert werden — ein direkter Kontrapunkt zum Geschäftsmodell von Ring, Nest oder Arlo.

Das Preissystem, das polarisiert
Wer den HomeAgent HA100 zum Early-Bird-Preis reserviert, zahlt 899 Dollar. Der reguläre Listenpreis liegt bei 1.799 Dollar. Für den HA100 Pro sind es 2.999 Dollar im Early Bird, 5.999 Dollar regulär. Und der MasterAgent MA100? 9.999 Dollar in der Kickstarter-Frühbucherphase, 19.999 Dollar regulär. Für ein Gerät, das im Wohnzimmer stehen soll.
Hier ist ein ehrlicher Kommentar notwendig: Das Projekt ist in seiner technischen Ambition bemerkenswert. Eine dedizierte KI-Recheneinheit dieser Klasse in einem Consumer-Produkt ist eine absolute Ausnahme — nicht nur auf dem Smart-Home-Markt, sondern im Konsumerelektronik-Sektor insgesamt. Was den HA100 und HA100 Pro betrifft, bewegen sich die Early-Bird-Preise noch in einem Bereich, der sich mit ernst zu nehmenden NAS-Systemen plus Smarthome-Hub vergleichen lässt. Aber mit den 9.999 Dollar für den MA100 im Frühbucher-Modus betritt das Projekt eine Preisregion, in der es kaum mehr um den Privatanwender geht. Es wird sehr interessant sein zu beobachten, wie der Markt das annimmt — wir sind gespannt, ob sich eine Nachfrage jenseits von Tech-Enthusiasten und kleineren Unternehmen einstellt.
Dass ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung im Milliardenbereich diesen Weg über Kickstarter geht, ist zudem erklärungsbedürftig. Ugreen verweist auf seine Erfahrung mit Crowdfunding und spricht von einem bewährten Weg, Marktinteresse zu validieren. Ein legitimer Ansatz — aber bei einem Produkt mit 20.000-Dollar-Listenpreis und noch keinen öffentlichen Praxistests wirft das Modell Fragen auf.

Versand, Zeitplan und der Stand der Dinge

Der Kickstarter startet offiziell am 27. Oktober 2026. Vorab kann mit einer Anzahlung von 50 Dollar (für HA100 und HA100 Pro) respektive 200 Dollar (für den MA100) ein Early-Bird-Link gesichert werden. Diese Anzahlung ist rückerstattbar bis Kampagnenende. Der Versand soll gestaffelt beginnen: Der HA100 Ende Januar 2027, der HA100 Pro Ende April 2027 und der MA100 erst Ende Juli 2027. Für Europa, Deutschland eingeschlossen, ist das Produkt adressiert, mit deutschen Sprachoberflächen und Zollansprüchen, die laut Ugreen übernommen werden.
Wichtig für die Einordnung: Zum Zeitpunkt der Vorstellung hatte Ugreen beim öffentlichen Event in Foxborough, Massachusetts, nur eine einzige funktionsfähige Einheit vorführbereit. Komplexere Funktionen wie Automations-Erstellung per Sprache wurden nicht demonstriert. Ugreen selbst hält im Kleingedruckten fest, dass Produktbilder, UI-Screens und gezeigte Funktionen als Referenz zu verstehen sind und sich bis zum Launch noch ändern können. Das ist Crowdfunding-übliche Vorsichtssprache — aber bei einem Produkt dieser Preisklasse sollte man diese Einschränkung im Kopf behalten.
Local-First: Datenschutz als Versprechen und Aufgabe

Das stärkste Argument des HomeAgent-Konzepts ist struktureller Natur. Cloud-verbundene Smarthome-Geräte senden Nutzungsdaten, Sprachaufnahmen und Kamerafeeds an externe Server, wo sie gespeichert, geteilt oder bei Datenpannen exponiert werden können. Der HomeAgent-Ansatz dreht das um: Verarbeitung findet lokal statt, Daten verbleiben im Heimnetz. Das ist kein Marketing-Versprechen, das Ugreen erfunden hätte — es entspricht dem, was Datenschutzexperten seit Jahren als sinnvollste Architektur für vernetzte Heimsysteme beschreiben.
Gleichzeitig bringt ein hochvernetzter KI-Hub im Heimnetz eigene Risiken. Ein zentrales Gerät, das Kamerastreams auswertet, Geräteaktionen koordiniert und Sprachbefehle verarbeitet, ist im Falle einer Sicherheitslücke eine erheblich wertvollere Angriffsfläche als ein einzelner Smart-Plug oder ein Bewegungsmelder. Lokale Verarbeitung reduziert das Cloud-Risiko — sie eliminiert nicht das Risiko auf Geräteebene. Firmware-Aktualität und Netzwerk-Isolation bleiben relevante Sicherheitsfragen, unabhängig davon, ob ein Produkt cloud-first oder local-first arbeitet.
Hinzu kommt ein konzeptioneller Vorbehalt: Ugreen beschreibt das System als „local-first“, nicht als ausschließlich lokal. Cloud-Modelle wie ChatGPT können optional zugeschaltet werden. Was genau in welchen Szenarien wohin übertragen wird, wird sich erst im Praxisbetrieb bestätigen lassen. Ob der HomeAgent tatsächlich kein einziges Datenpäckchen nach außen schickt, wenn der Nutzer auf rein lokalen Modus setzt — das ist eine Frage, die nur ein unabhängiger Test nach dem Launch beantworten kann.
Ein Konzept zwischen Systemsoftware und Ökosystem-Aufbau
Auf der Systemseite läuft der HomeAgent unter UGOS Pro, dem Linux-basierten Betriebssystem, das Ugreen bereits für seine NAS-Produkte einsetzt. Das ist ein Vorteil: Es gibt eine technische Basis, die nicht bei null anfängt, und eine Community, die Ugreen-NAS-Systeme kennt. Home-Assistant-Kompatibilität soll vor dem Launch verfügbar sein — ein wichtiges Signal an die erfahrene Smarthome-Nutzerbasis, die auf offene Systeme setzt.

Das Ökosystem ist zum Launch überschaubar. Matter funktioniert von Beginn an, Zigbee und Thread sollen als Updates nachkommen. Die anfänglich unterstützten Gerätekategorien umfassen Lichter, Schalter, Sensoren und Jalousien. Dass ein so leistungsfähiges Gerät zunächst mit einer vergleichsweise engen Kompatibilitätsliste startet, ist kein Fehler — es ist die realistische Einordnung, wie frühe Ökosysteme wachsen. Die Frage ist, wie zuverlässig Ugreen dieses Wachstum liefert. Wer jetzt reserviert, kauft nicht nur Hardware, sondern auch eine Software-Roadmap.
Was bleibt, ist ein Projekt, das eine echte Idee trägt: Die Heimzentrale, die nicht mehr zwischen Speicher, Kameras, Assistenz und Automatisierung trennt, sondern all das mit lokalem Rechenhirn verknüpft. Ob Ugreen das in der versprochenen Form liefert, ob die KI-Funktionen im Alltag so arbeiten wie auf den Demoseiten beschrieben — das werden die Hände zeigen, die den HomeAgent ab Januar 2027 auspacken.
